CHIP: "Wie eine junge Kölnerin das Einwegbecherproblem lösen möchte"

Auszug CHIP April 2019

Deutschland liebt Kaffee. Deutschland liebt auch Coffee to go-Becher. Stündlich landen laut der Deutschen Umwelthilfe circa 320.000 Einwegbecher im Müll - ein massives Problem für unser Ökosystem. Zwei Kölner Gründer wollen der Umweltverschmutzung mit einem einzigartigen Stöpsel, dem sogenannten "udo®", ein Ende setzen.

Ab zum Bäcker oder einer Kaffeekette des Vertrauens und mit dem Pappbecher voll Kaffee zur Arbeit hetzen. So oder so ähnlich sieht der Start in den Tag bei vielen Deutschen aus. Ist der Kaffee getrunken, landet der Coffee-to-go-Becher dann im besten Fall im Mülleimer – wenn der nicht bereits vor Bechern überquillt.

Denn pro Jahr stapeln sich laut der Deutschen Umwelthilfe allein in Deutschland knapp 3 Milliarden (!) Einwegbecher im Müll.

Schon die Produktion ist nicht besonders nachhaltig: Die klassische To-go- Variante besteht aus Papierfasern. Neben dem dafür verwendeten Holz wird auch Rohöl für den Plastikdeckel und die Kunststoffbeschichtung benötigt.

Das große Problem:

Durch den enthaltenen Kunststoff Polyethylen in der Innenseite des Bechers sowie dem Plastikdeckel, ist das Trinkgefäß nur schwer zu recyclen. Zwar gibt es schon zahlreiche Versuche, dem Problem Einwegbecher Herr zu werden.

So werden beispielsweise in Städten wie München, Freiburg oder Karlsruhe Mehrwegbecher wie der "ReCup", "FreiburgCup" oder der "Fächerbecher" angeboten. Eine deutschlandweite Lösung fehlt jedoch.

 

Wie ein kleiner Deckel den Coffee-to go Markt aufmischen soll

Carina Frings (27) aus Köln versucht, das Problem anders zu lösen. Weg vom Becher, hin zum Deckel. Die junge Gründerin studiert nachhaltiges Design an der ecosign Akademie für Gestaltung in Köln und hat sich auf den Bereich Produkt- und Industriedesign spezialisiert.

Vor zwei Jahren, in ihrem fünften Semester, erhielt sie und ihre Kommilitoninnen die Aufgabe, einen nachhaltigen Mehrwegbecher zu entwickeln.

Frings erklärte CHIP: "Da ich der Meinung war, dass schon zahlreiche Mehrwegbecher auf dem Markt vertreten sind und wir ja schließlich die Schränke voll mit Tassen haben, kam mir die Idee zu udo® Deckel, die konisch zulaufen, gab es auch schon vorher. Aber dabei geht es mir bei gutem funktionalen Design auch nicht. Man muss das Rad, in diesem Fall den Deckel nicht neu erfinden, sondern weiterdenken."

Und so entstand udo®, der erste Coffee-to-go Mehrwegdeckel in Deutschland.

Um aus der Idee ein fertiges Produkt zu kreieren, musste Carina Frings tief in die Tasche greifen:

"Den ersten Prototypen habe ich als 3D-Modell drucken lassen. Das war damals eine ziemlich teure Angelegenheit für mich als Studentin. Aus heutiger Sicht sind die 5750 Euro eine der besten Investitionen, die ich je gemacht habe", erzählt Frings.

Denn bis der Deckel endgültig in Produktion ging, hat Frings über zwanzig 3D-Drucke anfertigen lassen. Immerhin erhielt sie dafür von einem Bekannten einen 3D-Drucker als Leihgabe. Heraus kam ein nach unten hin leicht zylinderförmige Deckel, der mit einem Durchmesser von 72 bis 82 Millimetern auf diverse Kaffeetassen passt.

 

"Man kann sich zusammen über Erfolge freuen"

Nach etwa einem halben Jahr wurde Frings klar, dass sie das Projekt neben Studium und Nebenjob nicht alleine stemmen kann.

Die junge Frau erklärte gegenüber CHIP: "Außerdem fehlten mir die Skills, um Kalkulationen aufzustellen, die Buchhaltung zu führen oder IT spezifische Kenntnisse. Meine Stärken liegen da ganz klar im Design, Marketing und Vertrieb."

In der Fernsehshow "Wie genial ist das denn" lernte Frings, die als Erfinderin mitmachte, den Aufnahmeleiter Dennis Krey kennen. Er war von Anfang an begeistert: "Ich fand die Idee einfach super. Ich sehe es ja jeden Tag auf der Arbeit. Ich trinke mit meinen Kollegen jeden Tag über 100 Portionen Kaffee, und wir haben da so viel Müll. Wir können auf die Nachhaltigkeit achten und da so viel ändern!"

Kurze Zeit später gründeten die beiden die Cadios GmbH, um den Tassenstöpsel an den Mann und die Frau zu bringen.

 

Nachhaltig ist aber nicht gleich Nachhaltig

Frings erklärte CHIP: "Zunächst habe ich versucht den Deckel aus Naturkautschuk zu fertigen. Ich habe mich aber letztendlich dagegen entschieden. Durch die zu hohe Nachfrage an Naturkautschuk werden Regenwälder abgerodet, was die Artenvielfalt bedroht."

Ein großes Problem ist auch der lange Transportweg nach Deutschland. Dieser stellt sich negativ in der Wertschöpfungskette und im ökologischen Fußabdruck eines Produktes auf.

Frings löst auch diese Herausforderung auf ihre Weise: "Aus diesem Grund haben wir uns für einen Kunststoff entschieden, der in den technischen Kreislauf zurückgeführt werden kann und mehrere "Leben" hat. Sollte ein besseres Material auf dem Markt zu Verfügung stehen, werden wir nicht zögern, das Material umzustellen."

Mittlerweile wird udo® in Köln bei einem Spritzgießer hergestellt.

Der Vorteil: Kurze Transportwege, zudem können die beiden Gründer spontan bei ihrem Produzenten vorbeischauen.

Es gibt allerdings auch einige Kritiker, die Frings sehr ernst nimmt:

"Natürlich versteht der ein oder andere nicht, warum udo® nicht aus Naturkautschuk ist. Aber wenn man es erklärt, erscheint es allen als sinnvoll. Ich denke Aufklärung ist generell ein großes Thema beim Thema Coffee-to-go und Nachhaltigkeit."

Wer einen Deckel kaufen möchte: Ab dem 1.Mai 2019 ist udo® online erhältlich.

Mit dem kleinen schwarzen Stöpsel für den Kaffee ist ihr Ideenreichtum noch lange nicht zu Ende:

"Wir haben noch ein, zwei Sachen in der Schublade liegen und in unserem Onlineshop wird es nicht nur udo® zu kaufen geben, sondern wir haben noch ein paar Überraschungen auf Lager."

Mehr will die kreative und geschäftstüchtige Studentin nicht verraten.

Text: Tamara Haitz